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Loslassen

Vom Risiko des Spielens ohne Risiko

 

Mit der flächendeckenden Einführung der Ganztagesschulen und der damit einhergehenden verlässlichen Betreuung am Nachmittag änderte sich die Situation für die Abenteuer-, Bau- und Aktivspielplätze (im Folgenden: Bauis) nachhaltig. Zu Beginn der Bauis war das alles bestimmende Konzept die „offene Kinder- und Jugendarbeit“ mit dem ausdrücklichen Prinzip der Freiwilligkeit. Als Kooperationspartner der Schulen waren die Kollegen auf den Spielplätzen nun mit der verlässlichen Betreuung von nicht vorrangig freiwilligen Gruppen, besorgten Eltern und besonders den Vorgaben und Reglements der Landes- Unfallkasse als Unfallversicherer der Schulen konfrontiert. Eine besondere Herausforderung ist hier die ganz eigene Gruppendynamik von bewegungshungrigen, aber in echten Abenteuern noch sehr unerfahrenen Schulklassen. All dies führte zwangsläufig zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Sicherheit auf Bauspielplätzen. Vor allem bot es aber die Möglichkeit, selbstbewusst für ein seit Jahrzehnten bewährtes Konzept des außerschulischen Lernens einzutreten.

 

Schon die zweite Ausgabe unserer Eltern- und Anwohnerzeitung beschäftigte sich 1983 intensiv mit dem Thema Risiken und dem Umgang mit Gefahren als pädagogisches Konzept auf Bauis. Schon damals musste Eltern erklärt werden, wie unerlässlich das Kennenlernen und der Umgang mit Gefahren und realen Herausforderungen für die kindliche Entwicklung ist. „Learning by burning“ oder „schlauer durch Aua“ waren lapidar benutzte Schlagworte, die aber im Kern doch genau die infantile Erfahrens- und Lernwelt treffen. Es ging nie darum, Kinder vorsätzlich Gefahren auszusetzen, sondern ihnen einen Erlebnisraum zu bieten, in dem sie sich Herausforderungen spielerisch und lustvoll stellen, Grenzen erleben und begreifen können. All das immer im Rahmen der individuellen Fähigkeiten. Denn Kinder können durchaus Gefahren erkennen und der lustvolle „Thrill“ beim Erleben der Gefahr und deren Bewältigung ist letztendlich der Antrieb, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen. Besonders auf Erwachsene wirken Bauis zunächst anarchisch, gefährlich und unkontrolliert – ein Paradies für Kinder! Wenn Ich neuen Kindern eine Einführung in unseren Baui gebe, rede ich gerne über das Wort „Abenteuer“ in Abenteuerspielplatz. Ein gutes Abenteuer ist unberechenbar, es kann etwas passieren, die Abenteurer müssen aufpassen, sich aber auch etwas trauen, um weiter zu kommen. Ich gebe ihnen dann einige Regeln und eine ganz wichtige Kompetenz mit auf den Weg: Eigenverantwortung.

Alle auf den Bauis tätigen Pädagogen sind aufgrund jahrelanger Erfahrungen nach wie vor von der zeitlosen Wichtigkeit der Bauspielplatzarbeit überzeugt. Neuere Studien aus aller Welt stützen stützen diese Überzeugung. Besonders hervorzuheben ist hier die Studie der Norwegerin Ellen Sandseter. (1)

 

Gemeinsam mit ihrem Team beobachtete sie Kinder auf Spielplätzen in Norwegen, Australien und England und formulierte hieraus sechs Kategorien kindlichen Risikoerlebens: Das Erforschen von Höhe, das Erleben hoher Geschwindigkeit, der Umgang mit gefährlichen Gegenständen, die Nähe von gefährlichen Ereignissen (Feuer, Wasser), wildes Spielen (raufen) und das selbstständige Weggehen von einer erwachsenen Aufsichtsperson. Zwar beschäftigen die meisten Spielplatzstudien sich mit Kindern im Vorschulalter, doch laut dem englischen Risikoforscher Ball (2) werden ältere Kinder durch zu viele Sicherheitsmaßnahmen davon abgehalten, sich auf Spielplätzen auszutoben. Sie würden dann eher gefährlichere Plätze aufsuchen oder gar die gesunde Bewegung gleich ganz sein lassen, was in beiden Fällen nicht erstrebenswert wäre. Hier liegt die große Aufgabe und Chance für betreute Abenteuerspielplätze! Sandseters Thesen lassen sich im Baui-Alltag gut wiederfinden. Das Erforschen von Höhe kann in vielen Bereichen auf unterschiedlichste Weise beobachtet werden. Zunächst das Erklimmen vorhandener Bauten, Spielgeräte aber auch Bäume und Zäune. Daraus folgend dann immer der Wunsch der Kinder, Hütten, oder Brücken weiter zu erhöhen und auszuprobieren. Auf vielen Bauis entwickelten die Kollegen daraus weitergehende Kletterangebote für Kinder. Kletterwände, - Türme und -Plattformen wurden errichtet und umliegende Kletterangebote in das wöchentliche Angebot integriert, um diesem speziellen Bewegungsdrang auch bei älteren Kinder gerecht zu werden. Auf wohl allen Bauis gibt es Schaukeln, Rutschen, aber auch Rollschuhe oder Fahrräder. Hier probieren die Kinder ihren Drang nach hoher Geschwindigkeit aus. Es werden spezielle Rampen oder Fahrradpisten angelegt und ausprobiert. Tobespiele wie z.B. Fangen regen zum Rennen an. Im Winter lässt sich das Angebot, bei entsprechendem Wetter immer um Rodeln oder auch Schlittschuhfahren erweitern. Ausprobieren gefährlicher Gegenstände gehört zum täglichen Brot eines jeden Bauis. Die Kinder können den Umgang mit echten Werkzeugen erlernen, diese aber auch zweckentfremden. Es werden einfache Werkzeuge oder Waffen z. B. aus Stöckern gebastelt und im Spiel ausprobiert. Es gibt sehr schwere oder extrem große Dinge (z. B. Bretter, Platten, Tonnen o. ä.) die bewegt werden wollen. Mitgebrachter Schrott, oder einfach auf dem Gelände gefundene Gegenstände regen die Kinder immer wieder zu stundenlangem Spiel an, das sich nicht immer dem erwachsenen Verständnis erschließt. Feuer gehört eigentlich zum Markenzeichen aller Bauis und grade hier kann der faszinierte Umgang der Kinder mit Gefahr so gut beobachtet werden. Beim Kochen einer selbst kreierten „Hexensuppe“ auf dem offenen Feuer, beim Verbrennen verschiedenster Gegenstände, oder beim Kokeln mit langen Stöckern in den lodernden Flammen. Auch gibt es immer wieder die Mutprobe „ Über das Feuer springen“. Wöchentliche Schwimmangebote bieten Kindern die Möglichkeit, sich außerhalb von Schwimmkursen und Schulschwimmen, auf ihre Art dem Medium Wasser zu nähern. Das wilde Toben und, bei Jüngeren das Raufen, bei Älteren eher das Messen durch Mutproben oder in sportlichen Wettkämpfen ergibt sich fast zwangsläufig aus allen gebotenen Möglichkeiten oder auch deren Kombinationen. Das selbstständige entfernen von einer erwachsenen Aufsichtsperson bezieht sich in Sandseters Studie zwar eher auf Kleinkinder, bekommt aber in Zeiten ganztägiger Betreuung und dem zunehmenden Phänomen der sogenannten „Helikoptereltern“ auch für ältere Kinder immer größere Relevanz. Die Kinder haben eigentlich keine Möglichkeit zu gehen, deshalb müssten die Erwachsenen gehen. Dementsprechend fällt es immer mehr Kindern schwer, ohne allgegenwärtiges, erwachsenes Regulativ selbstsicher zu agieren. Es besteht sozusagen ein gewisser gesellschaftlicher Druck, Spielplätze immer sicherer zu machen. Doch genau hier besteht laut Balls Erkenntnissen eine große Gefahr. Nach seiner Studie führten zusätzliche Gummimatten unter Klettergerüsten nicht zu weniger, sondern zu mehr Unfällen. Das Problem ist, sobald Eltern und Kinder eine Umgebung sicherer einschätzen, als sie eigentlich ist, gehen sie zu große Risiken ein. Das deckt sich mit den langjährigen Beobachtungen aus unserer Arbeit. „zu viele Geländer fördern risikobereites Verhalten“, es wird wilder und unkontrollierter getobt. Eine Absturzgefahr muss auch als solche erfassbar sein. Im entsprechenden Beiblatt zur DIN EN 1176 zur Ausgestaltung von Spielplätzen heißt es schließlich … „Die Gefahren des Lebens sollen für die Kinder erlebbar, erlernbar und damit beherrschbar werden!“ Der anerkannte Fachmann für die Sicherheit auf Spielplätzen, Peter Schraml (3) erläutert dazu: „Ziel der Norm ist es unter anderem, die Kinder vor unvorhersehbaren Gefahren zu bewahren – kein Kind rechnet damit, dass es sich beim Rutschen strangulieren könnte – diese Gefahrenstellen müssen bei Spielplatzgeräten ausgeschlossen oder beseitigt werden. Das bedeutet aber, dass sich ein Kind beim Spielen auf dem Spielplatz auch einmal verletzten kann. Unfallfolgen wie sie auch im Freizeit- oder Schulsport eintreten können, sind durchaus möglich und dazu zählen u.a. auch Arm- und Beinbrüche sowie Gehirnerschütterungen, die durch stoßdämpfende Böden zwar abgemildert, aber nicht vollständig ausgeschlossen werden können.

Die besondere Aufgabe der Pädagogen auf den Bauis besteht immer darin, hieraus einen sinnvollen Sicherheitsrahmen zu schaffen. Regelmäßige Kontrollen müssen vermeidbare Gefahren abwenden, aber eine gewisse Gelassenheit, basierend auf Erfahrung und gesundem Menschenverstand, muss den Kindern stets den besonderen Freiraum Baui einräumen. Wir Bauis wissen, wie wenig wirklich ernsthafte Unfälle in über dreißig Jahren Hamburger Bauis passiert sind und es ist wichtig dieses selbstbewusst zu vertreten und unsere Arbeit hier Eltern und Schule gegenüber transparent zu machen Ich bin selbst Vater und weiß um die einschneidende Erfahrung, die eigenen, kleinen Kinder den Baui entdecken zu sehen. Genau deshalb ist es mir immer so wichtig, Eltern einfühlsam zum Loslassen anzuleiten damit sie ihren Kindern die Chance geben können, im Erlebnisraum Baui eigene, spannende Erfahrungen zu machen.

 

Sandseters Studien machen uns allen gemeinsam Mut: Kinder wenden mit dem schrittweisen Herantasten an Gefahren eine Art Anti-Phobien-Strategie an, die sie im späteren Leben weniger ängstlich und selbstbewusster auftreten lassen. Kinder mit Sturzerfahrung leiden demnach z.B. später seltener an Höhenangst. „Paradoxerweise führt gerade die Angst vor harmlosen Verletzungen zu ängstlicheren Kindern mit höherer Neigung zu psychischen Erkrankungen“, schreiben die Psychologen. Auch australische Wissenschaftler kamen in ihrer Studie „Safe outdoor play for young children“(4) zu dem Ergebnis, das die fehlenden Möglichkeiten zu aufregendem Spielverhalten negative Auswirkungen auf die körperliche Fitness, aber auch soziale emotionale und intellektuelle Entwicklung haben. Anita Bundy von der Universität von Sydney formulierte es so: „Es ist ein Risiko, wenn es kein Risiko mehr beim Spielen gibt.“

 

 

Anmerkungen

1) Sandseter, E. B. H. (2007a). Categorizing risky play ̶ How can we identify risk-taking in children’s play? European Early Childhood Education Research Journal, 15(2), 237-252)

2) Ball, David J. (2002) Playgrounds - risks, benefits and choices. HSE contract research report 426/2002. HSE Books. ISBN 0717623408.

3) Schraml: Spielplätze und Flächen zum Spielen…wieviel Sicherheit ist nötig, wieviel Risiko möglich?

4) „Safe outdoor play for young children“: The risk is that there is „no risk”: A simple innovative intervention to increase children’sactivity levels. International Journal of Early Years Education, 17(1), (33-45) Bundy, A., Luckett, T., Tranter, P., Naughton, G., Wyver, S., Ragen, J., & Spies, G. (2009).